Frühe Förderung der Kinder beruflich Reisender (Entwurf)

I. AUSGANGSLAGE

Die Kinder beruflich reisender Eltern (u.a. Schausteller, Circusangehörige, Binnenschiffer sowie ambulante Händler und Dienstleister) haben in aller Regel nur selten Gelegenheit, einen Kindergarten zu besuchen. meistens lässt sich der Besuch eines Kindergartens auf der Reise nicht organisieren. Damit entfallen für diese Kinder Möglichkeiten der Förderung notwendiger Kompetenzen, die für einen späteren erfolgreichen Schulbesuch unverzichtbar sind. In den letzten Jahrzehnten haben Pädagogik, Hirnforschung und Psychologie auf die hohe Bedeutung der frühen Lebensjahre für die spätere Entwicklung der jungen Menschen nachdrücklich hingewiesen. Auch der Wunsch der Eltern, berufstätig zu sein, erfordert vorschulische Betreuungsangebote. Die Gesellschaft hat durch den Ausbau ganztägiger Angebote und der Tagesbetreuung für Kinder im frühen Alter reagiert.

Eltern, Schulen und Bereichslehrkräfte weisen immer wieder darauf hin, dass für reisende Kinder solche Angebote früher Förderung bzw. frühkindlicher Bildung nicht bzw. nur rudimentär bestehen. Damit ist die Chancengleichheit im Bereich der vorschulischen Bildung für diese Kindergruppen nicht gewährleistet.

In seiner Entschließung vom 22. Mai 1989 hat der Rat der Bildungsminister der Europäischen Union die Mitgliedsländer gebeten, den Zugang von Kindern beruflich reisender Eltern zu Schule und Bildung zu ermöglichen bzw. zu verbessern. Die in dieser Entschließung angesprochenen Bevölkerungsgruppen sind Schausteller, Circusangehörige und Binnenschiffer.
1. Binnenschifferkinder

Für Kinder von Binnenschiffern gab es Anfang der 90er Jahre kleine Pakete mit Vorschulmaterialien, mit deren Hilfe Eltern ihren Kindern begrenzte Angebote machen konnten (Aktion der evangelischen Binnenschifferseelsorge in Duisburg: „Die Kleinsten an Bord“).
Der Versuch, mit einzelnen Kindergartenstandorten in Hafennähe Vereinbarungen über den Besuch von Binnenschifferkindern zu treffen, scheiterte u.a. daran, dass der stundenweise Besuch der Kinder im Kindergarten in Abhängigkeit von den zunehmend kürzer werdenden Liegezeiten der Schiffe schwierig zu organisieren war.
Ob es zurzeit Angebote zur frühen Förderung im Bereich der Binnenschifferkinder gibt, ist nicht bekannt.
Mögliche Ansprechpartner sind die Binnenschifferseelsorge der Evangelischen Kirche sowie der Bundesverband deutscher Binnenschifffahrt. Nach dessen Auskunft gibt es keine Statistik zur Frage von an Bord mitreisenden Kindern und keine Erkenntnisse über Möglichkeiten vorschulischer Bildung von Kindern aus Schifferfamilien.
Die Anzahl der Kinder deutscher Binnenschiffer sinkt. Immer weniger Binnenschiffer nehmen ihre Kinder mit aufs Schiff, zumal die Mütter schulpflichtiger Kinder wegen der hohen Internatskosten ohnehin häufig auf die Mitreise verzichten.

2. Schaustellerkinder
Die Circus- und Schaustellerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland hat in der Vergangenheit auf einigen größeren Veranstaltungsplätzen für zwei bis zu vier Wochen Kinderbetreuung für Schaustellereltern organisiert. Es gibt auch einige weitere Angebote, die aufgrund besonderer Initiativen vor Ort eröffnet werden/wurden.
Dies sind allerdings sporadische Angebote, die eine gezielte frühe Förderung für die große Zahl reisender Kinder nicht realisieren können. Nach wie vor setzen sich die Kirchen, insbesondere die Seelsorgebereiche für beruflich Reisende, für entsprechende Angebote ein. Ansprechpartner sind für die Evangelische Circus- und Schaustellerseelsorge Pfr. Torsten Heinrich, für die Katholische Circus- und Schaustellerseelsorge Pfr. Sascha Ellinghaus.

3. Circuskinder und ähnlich reisende Kinder
Kinder aus Circus- und Puppenspielerfamilien besuchen keine Kindergärten. Die Schule für Circuskinder NRW bietet deshalb ein vorschulisches Jahr an. Hierbei handelt es sich um ein systematisch angelegtes Förder- und Bildungsangebot für Kinder im Vorschulalter. Auch die hessische Schule für Kinder beruflich Reisender versucht, die Kinder im vorschulischen Alter an Bildung heranzuführen.
II. ECKPUNKTE
„FRÜHE FÖRDERUNG DER KINDER BERUFLICH REISENDER“

1. Bereiche: Insbesondere die folgenden Bereiche sollten im Rahmen eines Konzepts frühkindlicher Bildung berücksichtigt werden: Sprachentwicklung, Entwicklung des Zahlenverständnisses,, Grob- und Feinmotorik, Wahrnehmung, Denk- und Merkfähigkeit, Ernährung und Gesundheit…

2. Diagnostik
Diagnostische Verfahren werden im Zusammenhang mit der Einschulung reisender Kinder eher selten angewandt, ggf. dort, wo die Eimschulung in der Stammschule erfolgen; dies betrifft jedoch nur den Teil der Kinder, deren Einschulung an ihrer Stammschule möglich ist.
Wünschenswerte Verfahren sind u. a.;
Schuleingangsdiagnostik (Sprachstandsfeststellung, Schulfähigkeitsprofil)
Die Sprachstandstests und die Sprachförderung, auch vorschulische Sprachkurse, sollten von Fachkräften wie z.B. den Bereichslehrkräften durchgeführt bzw. erteilt werden.
Begleitung des Kindes durch Bereichslehrkräfte im Kindergarten
Beobachtungs-, Diagnosebögen, Spiele

3. Organisationsformen:

2.1 Bei rechtzeitiger Planung der Reiseroute sollten Kindergartenträger angeregt werden, reisende Vorschulkinder auch für einzelne Tage in ihren Einrichtungen, die in der Nähe von Circus- oder Kirmesplätzen liegen, für die Dauer des Aufenthalts der Familie aufzunehmen. Hierbei können z.B. die Circus- und Schaustellerseelsorgen beider Konfessionen hilfreich sein. Zur Erleichterung der Aufnahme sollten interessierte Eltern eine Bescheinigung der Jugendhilfe bzw. der Circus- und Schaustellerseelsorge erhalten können, die den Status „Beruflich Reisende“ bestätigt.

2.2 Während der Winterpause sollten reisende Kinder an Kindergärten ihres (dauerhaften) Winterstandortes ihren festen Platz haben. Hierzu müssten mit den Kindergärten rechtzeitig Gespräche geführt werden, soweit inbesondere Circusse überhaupt regelmäßig besuchte Winterstandorte haben.

2.3 Bei großen Volksfestveranstaltungen könnte mit Hilfe der Kirchen oder der Wohlfahrtsverbände ein gesondertes stationäres Förderangebot organisiert werden (s. Beispiel Stadt Soest; Ev. Circus- und Schaustellerseelsorge).
Es könnte auch ein mobiler Kindergarten („Lern- und Spielmobil, s. Sprachenmobil Essen“) in Anlehnung an die mobilen Schulen auf größeren Volksfesten und Kirmessen eingesetzt werden. Die Finanzierung müsste geklärt werden. Die Berufsverbände DSB (Deutscher Schaustellerbund) und BSM (Bundesverband deutscher Schausteller und Marktkaufleute) sind am Ausbau der frühen Förderung/Bildung interessiert und könnten im Rahmen ihrer Möglichkeiten mithelfen.

2.4 Zur frühen Förderung/frühen Bildung benötigen reisende Kinder mobile Fachkräfte, die mit Materialien zum Circuszelt oder zum Volksfestplatz kommen. Dies sollten möglichst Erzieher/-innen sein oder – bei dieser relativ kleinen Gruppe mit spezifischen Lebensumständen – ggf. ergänzend spezialisierte Lehrkräfte („Bereichslehrkräfte“).

Zwei Varianten sind somit denkbar:

2.4.1 Organisationsvariante 1 (pragmatisch, ressortübergreifend)

Für die Kompensation schulischer Defizite werden die Schulkinder beim Schulbesuch von „Bereichslehrerinnen“ und „Bereichslehrern“ unterstützt.
Diese Lehrkräfte sind den Eltern und Kindern, auch den jüngeren Kindern, vertraut, haben Zugang zu den Familien.
Die KMK-Länderkonferenz hat 2010 beschlossen, dass die bereits tätigen Bereichslehrkräfte im Rahmen ihrer Tätigkeit auch Vorschulkinder mitbetreuen dürfen, soweit sie dafür zeitliche Ressourcen haben.

Vorteile:
Ein personelles Netz existiert bereits.
Es entstehen keine zusätzlichen Fahrt- und Kommunikationskosten.
Die (vor-)schulische Orientierung ist sichergestellt.
Die Bereichslehrkräfte haben alle Kinder und die gesamte Familiensituation im Blick.
Durch die Vorarbeiten der Schule für Circuskinder NRW, die seit Jahren bereits einen vorschulischen Jahrgang 0 betreut, sind zahlreiche Materialien/Diagnose- und Förderinstrumente zugänglich.

Die diagnostischen und pädagogischen Kompetenzen und Zuständigkeiten der Bereichslehrkräfte müssten für den Bereich der frühen Förderung (vorschulische Förderung; Übergang Kindergarten/Schule) erweitert werden. Sie müssten Kontakte zu Kindergärten, Gesundheitsämtern, Frühförderstellen, Lernwerkstätten aufnehmen. Die Bereichslehrkräfte müssten mit entsprechenden Vorschulmaterialien ausgestattet werden („Förderkoffer“). Und sie benötigen zusätzliche zeitliche Ressourcen/Stellen.

2.4.2 Variante 2 (eigenes Netzwerk)

Der Jugendbereich des jeweiligen Landes stellt die Betreuung der Kinder durch ein eigenes Netz von mobilen Erziehern bzw. Erzieherinnen sicher, das parallel zum Netz der Bereichslehrkräfte aufgebaut wird. Der Aufbau könnte schrittweise erfolgen und sich an der Struktur des Netzes „Bereichslehrkräfte“ orientieren.

Vorteile:
Die Kinder werden von Erziehern/Erzieherinnen betreut.
Damit ist eine fachlich kompetente Betreuung nach den Prinzipien der frühkindlichen Pädagogik sichergestellt.
Didaktische Konzepte, Materialien und methodische Zugänge werden an den wissenschaftlich gesicherten Kriterien der „Frühen Förderung/Frühkindlichen Bildung“ orientiert.
In eigenen mobilen Kindergärten können Lernen und Spielen durchgeführt werden, ohne die Schulkinder zu stören.
Eigenes pädagogisches Personal, eigene didaktische und methodische Zugänge und eigene Lern- und Spielorte gewährleisten eine intensive, professionell gestaltete Förderung.

3. Eltern
3.1 Eltern spielen in der frühkindlichen Bildung eine wichtige Rolle, insbesondere dort, wo ein Kindertagesstättenangebot nicht oder nur in Teilen vorliegt. Sie sollten für Teilbereiche der frühkindlichen Bildung besonders qualifiziert werden. Damit sie ihre Kinder unterstützen können, sollten sie Vorschulmaterialien bekommen/kaufen und frühzeitig mit den Kindern spielerisch lernen. Dazu bedarf es einer Beratung und Hilfestellung für die Eltern durch die Fachkräfte.

3.2 Die Eltern erhalten nach der Anmeldung am bzw. nach dem Erstbesuch eines Kindergartens/ des Stammkindergartens einen Förderplan/Bildungsplan für die individuelle Situation und Entwicklung ihres Kindes. Der Plan und seine Umsetzung werden von Eltern und Einrichtung gemeinsam besprochen.

4. Frühkindliche Förderung bei Kindern mit Behinderungen
Vorschulische Betreuung bei Kindern mit Sinnesbeeinträchtigungen kann bundesweit über die jeweiligen länderspezifischen Frühförderstellen erreicht werden, wenn entsprechende medizinische Indikationen vorliegen.
Inwieweit spezielle fördernde Maßnahmen in den Alltag reisender Familien einbezogen werden können, scheint eher fraglich und sehr von Einzelfallkonstellationen (Reiseradien, Förderbedarf…) abhängig.

5. Zielgruppen:
Es sollten immer auch die Eltern mit einbezogenwerden. Das HIP-Projekt in Hamburg bezieht Mütter mit ein.
Es sollten nicht nur reisende Kinder, deren Einschulung unmittelbar bevorsteht, einbezogen werden, sondern auch jüngere Geschwisterkinder (vgl. Sprachstandstest bei Vierjährigen).

6. Materialien
„Vorschulpakete“ für spielerisches Lernen (Schule für Circuskinder NRW)
Grundschulen und Kindergärten verfügen zunehmend über diagnostisches Material und Lernmaterialien
„Förderkoffer“ für Bereichslehrkräfte/Erzieher/-innen

III. MÖGLICHE HANDLUNGSSCHRITTE

1. Das Land XX entwickelt ein Konzept „Frühe Förderung reisender Kinder“.
2. Das Land XX ermittelt Möglichkeiten zur Fortbildung von Bereichslehrkräften/Erziehern/-innen im diagnostischen und Frühförderbereich.
3. Das Land XX entwickelt eine Handreichung für reisende Eltern zum Thema „Frühe Förderung“.
4. Das Land XX entwickelt ein Konzept zu Beschaffung, Ausstattung, Finanzierung und Betrieb eines „Spiel- und Lernmobils zur frühen Förderung“.
IV. Erste OFFENE FRAGEN

– Wie kann die Frage der Kindergartenbeiträge gelöst werden?
– Bildungsgutscheine?
– Wie können Kindergärten eine „Bildungsdokumentation für ein reisendes
Kind “ erstellen?
– Wie kann die Trägerschaft mobiler Kindergärten gelöst werden?
– Wie kann die Finanzierung mobiler Kindergärten organisiert werden?
– Wie können Vereinbarungen zwischen Träger und Land aussehen (vgl.
Niedersachsen, NRW/SfC)?

Stand: 11-08-2015 MLT