Monatsarchive: Dezember 2013

Dr. Margit Ramus – Schaustellerin und promovierte Kunsthistorikerin

 

Am 3. September 2013 schloss Margit Ramus die letzte mündliche Prüfung ihrer Promotion mit Auszeichnung (summa cum laude) ab und darf nunmehr den Doktortitel in ihrem Namen tragen. Damit ist die 62-jährige Kölnerin die einzige promovierte Kunsthistorikerin im Schaustellergewerbe Deutschlands. Lesen sie dazu den folgenden Bericht!

Das reisende Gewerbe zwischen Berufspraxis und Anerkennung

 In Anbindung an die Ergebnisse des EU-Projektes ETT EDU erscheint es für BERiD notwendig zu werden, neue Ansätze für die Darstellung der beruflichen Kompetenzen der Schausteller zu entwickeln. Ein Ausbildungsberufsbild im dualen System ist derzeit auf europäischer Ebene nicht vorstellbar. Vielmehr muss über eine umfassende Anerkennung der beruflichen Kompetenzen der Berufsgruppe mit Hilfe neuer Methoden zur Ermittlung von informell erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten nachgedacht werden.

 Acht Thesen

  1. Es besteht eine erhebliche Diskrepanz in der Wahrnehmung der reisenden Berufsgruppen (vor allem Schausteller, Circusangehörige, Puppenspieler) durch die Öffentlichkeit als Unterhaltungsbetriebe und den dahinter steckenden kaufmännischen, logistischen, personalwirtschaftlichen und technischen Arbeiten. Diese Nichtwahrnehmung führt u.a. dazu, dass es bislang keine definierten Maßstäbe für die Bewertung von informell erworbenen Kompetenzen gibt, sondern Schausteller und Circusangehörige in Notzeiten als ungelernte Arbeiter eingestuft werden, wenn sie nicht der sehr kleinen Zahl derer angehören, die die Chance einer Ausbildung z.B. an einer Artistenschule oder durch ein betriebswirtschaftliches Studium bekommen haben.

  2. Beruflich Reisende arbeiten mit hohem Zeitaufwand, mit viel Engagement (an jedem Wochenende; auf der Reise), mit unternehmerischem Risiko, Sachverstand und mit hohen gesundheitlichen Risiken. Diese Arbeit findet in aller Öffentlichkeit statt und die Produkte der Arbeit sind für jedermann sichtbar und unterstehen ständiger behördlicher Kontrolle. Man könnte sagen, mit jeder Einrichtung des Geschäfts auf einem Jahrmarkt macht ein Schausteller mindestens eine Gesellenprüfung, vielleicht sogar eine Meisterprüfung. Denn schließlich hat er sein Geschäft von Kind auf gelernt.

  3. Während „sesshafte“ Kinder ihre Freizeit mit Hobbies, Fernsehen, Computer verbringen, ist es für Schaustellerkinder selbstverständlich, die Familie durch zunächst kleinere Tätigkeiten zu unterstützen. Mit zunehmendem Alter werden auch die betrieblichen Aufgaben und die damit verbundene Verantwortung für Betrieb und Familie größer. Mit 15, 16 Jahren haben Schaustellerkinder nicht nur hunderte von Schulen besucht, sondern nebenbei auch eine kaufmännische oder technische Ausbildung „on the job“ durchlaufen.

  4. Leider passt dieses Ausbildungsmuster nicht in das auf förmlichen Anerkennungen beruhende deutsche Ausbildungssystem, so dass den Schaustellern eine Anerkennung als Ausbildungsberuf verwehrt ist. Den Schaustellern liegt sehr wohl an einer Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenzen, allerdings zunächst nicht an einer staatlich reglementierten Ausbildung. Es muss also darüber nachgedacht werden, wie eine Anerkennung erreicht werden kann, ohne den Weg über ein anerkanntes Ausbildungsberufsbild zu gehen.

  5. Es gibt in Deutschland nicht nur das duale Berufsausbildungssystem, sondern hochschul- und fachschulbezogene Berufe, künstlerische und freiberufliche Tätigkeiten ohne geregelte Ausbildung. Es geht bei der Tätigkeit im Schaustellergewerbe zunächst einmal nur um die Anerkennung als ordentliche, qualifizierte Arbeit. Eine solche Anerkennung ist vor allem in Krisenzeiten wichtig, um z.B. berufliche Anschlüsse an Tätigkeiten zu erlangen, die auch außerhalb des Schaustellergewerbes liegen könnten.

  6. BERiD arbeitet deshalb in zwei Richtungen:
    In erster Linie ist es wichtig, in Anbindung an die Ergebnisse des ETT EDU-Projektes Anerkennungsverfahren für die auf eigene Art und Weise erarbeiteten Kompetenzen zu entwickeln („informelles Lernen“). Im Bereich der Familiencircusse ist das durch die Bezirksregierung Arnsberg (NRW) initiierte Zertifizierungsverfahren ein solches Anerkennungsverfahren. Die vom Circus über viele Jahre erworbenen Kompetenzen in der Zusammenarbeit mit Schulen werden von der Behörde geprüft und mit einem zeitlich befristeten Zertifikat anerkannt. Der Vorschlag, ein solches Verfahren zu entwickeln, ist von einem Circus gekommen, der sonst keine Möglichkeiten gehabt hätte, seine qualitätshaltige Arbeit nachweisen zu können.
    Andererseits kann es darum gehen, durch kompakte, ergänzende Berufsbildungsangebote die fachlichen Kompetenzen und Qualifikationen zu stärken; dies könnte unter Berücksichtigung der in der Zeit der Berufsschulpflicht abgeleisteten BEKOSCH-Kurse in ein geregeltes Ausbildungssystem münden, das durch „Blended Learning“, also Präsenzlernen in Winterkursen und E-Learning auf der Reise gekennzeichnet ist.

  7. Im Schaustellergewerbe gibt es verbandliche Bildungsangebote. Hier wäre eine Zusammenarbeit von staatlichen (berufsschulischen) und verbandlichen Angeboten anzustreben. Die im jeweiligen System erworbenen Kompetenzen und Qualifikationen könnten zu einer gestuften Anerkennungspraxis durch die Kammern zusammengeführt werden.

  8. Nach den vielen Jahren Erfahrungen mit BeKoSch scheint ein solches modulares System mit der Möglichkeit, Qualifikationsnachweise im Laufe von Jahren zu erwerben, den Bedarfen reisender Berufsgruppen besonders nahe zu kommen. Dies zeigen auch die Ergebnisse des jüngsten europäischen Projekts ETT-EDU von 2011 – 2013. Die wichtigsten Projektergebnisse sind unter www.ett-edu.eu verfügbar.